Didaktische Überlegungen

Worum geht es?

Nachdem sich die erste Aufregung gelegt, administrative Massnahmen getroffen und Betreuungssituationen geklärt sind, stellt sich die Frage, ob und wie Unterricht trotz Schulschliessung stattfinden soll. Hier unsere Überlegungen primär für Zyklus 2 und 3 der Volksschule. Für den Zyklus 1 versuchen wir die Tipps auf einer eigenen Seite zu sammeln.

Zitat Dominik Kohler:
"Wir suchen also nicht nach Lösungen, wie wir 2 oder 3 Wochen überbrücken können. Denn dann könnten wir unsere SuS auch im „Ferienmodus“ lassen. Wir müssen ein Lernkonzept für mindestens 3 - 4 Monate entwickeln. Wir müssen den SuS, welche nun durch schulfrei gewordene Zeit plötzlich viel mehr Freizeit haben, in ihrer Freizeit einen Freiraum zum Lernen bieten. Wir müssen kompetenzorientierte, selbstwirksame und strukturierte Lernsettings anbieten, welche ein hohes Mass an individuelle Verarbeitung zulassen. In der Umsetzung des Lernsettings sind die SuS zwingend mit einzubeziehen, denn die häuslichen Voraussetzungen sind sehr heterogen. Dazu können ergänzende, dem Schulstoff naheliegende Arbeiten angeboten werden, um dem Wissensdurst und Lernhunger einzelner SuS Rechnung zu tragen. Und ja, stehen wir dazu: Es entsteht ein Bildungsknick. Und auch dieses Lernangebot schafft Chancenungleichheit, aber das ist auch bei der Beschulung nicht anders."

Notfall-Fernunterricht ist nicht Fernunterricht, nicht Homeschooling und nicht "Lernen mit digitalen Medien"

In der aktuellen Situation versuchen Lehrpersonen Kinder zu unterrichten, die nicht im Schulzimmer, sondern ausschliesslich zu Hause sind. Dies ist nicht Homeschooling, bei dem Eltern die Kinder zu Hause unterrichten. Der aktuelle Unterricht ist auch nicht normaler Fernunterricht, der von langer Hand geplant ist und zum grossen Teil ort- und zeitunabhängiges Lernen ermöglicht. Und der aktuelle Unterricht ist auch nicht das Gleiche wie "Lernen mit digitalen Medien", denn einerseits muss der aktuelle Unterricht nicht immer zwingend mit digitalen Medien erfolgen und andererseits erfordern viele bekannte Konzepte von "Lernen mit digitalen Medien" die Präsenz der Schülerinnen und Schüler vor Ort. Beim aktuellen Unterricht handelt es sich um einen "Notfall-Fernunterricht"

Fazit: Die aktuelle Situation ist für den deutschsprachigen Raum absolut neu und es existieren praktisch keine Erfahrungen, die sich 1:1 übernehmen lassen. Selbstverständlich lassen sich Erfahrungen aus dem Fernunterricht, Homeschooling und "Lernen mit digitalen Medien" nutzen - sie müssen aber mit Vorsicht genossen werden.

Unsere Empfehlungen

Sorgen Sie für Strukturen

  • Genau wie im Präsenzunterricht sind auch jetzt klare Zeitangaben wichtig: Wann treffen wir uns online für einen Austausch? Bis wann muss ein Auftrag bearbeitet und abgegeben werden?
  • Arbeitsaufträge müssen noch präziser als im Präsenzunterricht gestellt werden. Häufig lohnt es sich, die formale Antwortstruktur anhand eines Beispiels vorzugeben oder wenigstens zu skizzieren.
  • Nutzen Sie die Gelegenheit für ein Stück Medienbildung: Wie kommuniziert man im Internet? Welche Regeln oder Vorgaben müssen bei der Bezeichnung von Dateien etc. beachtet werden?

Austausch und Rückmeldungen sind wichtig ― Bleiben Sie in Kontakt

  • Kontakt ist auf der persönlichen und inhaltlichen Ebene wichtig.
  • Je jünger die Kinder, desto mehr sind sie auf persönlichen Kontakt angewiesen. Aber auch auf der Oberstufe ist der Kontakt, v.a. zur Peergroup, wichtig. Textmitteilungen sind am unpersönlichsten und eignen sich besonders für inhaltliches Feedback. Aber auch dafür können Audiomitteilungen eingesetzt werden. Wussten Sie, dass man in PDFs einen Audiokommentar hinterlassen kann? Für andere Arten von Feedback ist ein direkter Austausch über Telefon oder andere Audiokanäle besser.
  • Telefonieren (skypen etc.) Sie in regelmässigen Abständen mit Ihren Schülerinnen und Schülern. Alle 1-2 Tage, zu Beginn eher häufiger.
  • Erkundigen Sie sich, wie es den Kindern oder Jugendlichen geht. Lernen läuft über Beziehung: Wie geht es? Wie kommst du oder ihr als Kleingruppe mit der Arbeit und Situation zurecht?
  • Geben Sie Feedback zu den Arbeiten bzgl. Fortschritt, Arbeitsformen, Inhalt, Form und Korrektheit. Machen Sie gute Beispiele für die anderen einsehbar.
  • Schicken Sie z. B. Fotos aus Ihrem Büro oder aus dem Klassenzimmer. Lassen Sie die Schülerinnen und Schüler auch Bilder oder kurze Videos von zu Hause, beim Arbeiten etc. austauschen. Das ist gut für die Stimmung.
  • Fragen Sie Ihre Schülerinnen oder Schüler nach deren Ideen, wie der Unterricht weiter gestaltet und mit welchen Tools gearbeitet werden soll.

Sorgen Sie dafür, dass sich die Schülerinnen und Schüler untereinander austauschen

  • Arbeitsaufträge in Kleingruppen (z. B. Zweiergruppen) bieten sich nun besonders an. So ergeben sich auch Kontakte unter den Schülerinnen und Schülern.
  • Lassen Sie die Schülerinnen und Schüler gegenseitig ihre Aufgaben korrigieren.
  • Nutzen Sie die Methode "Lernen durch Lehren", indem Sie Ihre Schülerinnen und Schüler kleinere Unterrichtssequenzen gestalten lassen.
  • Nutzen Sie dialogische Prinzipien, indem Sie Schüler*innenprodukte als Aufträge und als digitale Sesseltänze wieder zurückspielen an die ganze Klasse.

Setzen Sie nicht zu viele Apps und Programme ein

  • Genauso wie im Präsenzunterricht sollte beim Lernen mit digitalen Medien das Lernen im Vordergrund stehen und nicht Apps und Programme. Überlegen Sie gut, welche Werkzeuge für Ihre Schülerinnen und Schüler zielführend und einfach in der Handhabung sind.
  • Bedenken Sie, dass Ihre Schülerinnen und Schüler zuhause häufig eine andere Umgebung nutzen, z. B. ein anderes Betriebssystem, Tablet statt Notebook etc. Je einfacher ein Tool ist, desto eher ist es in der Regel auf verschiedenen Plattformen nutzbar. Bevorzugen Sie deshalb web-basierte Lösungen und verzichten Sie wenn immer möglich auf eine lokale Installation von Programmen.
  • Nutzen Sie Programme und Funktionen, die auf den Geräten der Schülerinnen und Schüler bereits standardmässig installiert sind, also z.B. Textverarbeitungs-, Tabellenkalkulations-, Präsentations- und einfache Bildbearbeitungsprogramme.
  • Im Internet finden sich Programme, die auch zuhause kreativ genutzt werden können. Beispiel im Fremdsprachenunterricht: Schülerinnen und Schüler verfassen kurze Texte in einer Fremdsprache und geben diese über die Spracheingabe auf Google Translate ein und vergleichen das Resultat mit der Übersetzung auf Deutsch.

Verwenden Sie analoge und digitale Medien

  • Gehen Sie nicht davon aus, dass ihre Schülerinnen und Schüler zuhause jederzeit Zugang zu einem Endgerät (Desktop PC, Notebook, Tablet etc.) haben. Beispiel: In einer Familie mit drei Kindern und den Eltern im Home Office dürften kaum fünf Endgeräte gleichzeitig verfügbar sein. Gestalten Sie deshalb Lernanlässe, die mehrheitlich auch ohne Computer bearbeitet werden können.
  • Methoden- und Medienvielfalt sind Merkmale guten Unterrichts. Das gilt nicht nur für Präsenzunterricht, sondern auch für "digitalen Unterricht". Ihre Schülerinnen und Schüler haben zuhause Zugang zu allerlei analogen Medien: Zeitungen, Reklamebeilagen, Bücher etc. Damit lassen sich viele Lernanlässe gestalten. Ein kreatives, einfach umsetzbares Beispiel geeignet auf fast allen Schulstufen: Die Schülerinnen und Schüler erhalten den Auftrag, eine Verpackung im eigenen Haushalt auszuwählen und diese nach Eigenschaften wie Form der Verpackung, Handlichkeit, Textmenge, Textformulierungen, Bilder, Farben auf der Etikette etc. zu analysieren. Das Ergebnis halten sie in einer kleinen Dokumentation fest und stellen diese der ganzen Klasse zur Verfügung. Im Anschluss können ganz unterschiedliche Fragen gemeinsam besprochen und diskutiert werden: Usability von Alltagsgegenständen, Marketing bei Produkten z. B. Farbpalette je nach Geschlecht der Zielgruppe etc.
  • Die Wahl des richtigen Kommunikationsmittels ist heute eine wichtige Kompetenz. Welches Kommunikationsmittel ist zur Übermittlung einer bestimmten Botschaft an eine bestimmte Person oder Zielgruppe geeignet? Schülerinnen und Schüler könnten den Auftrag erhalten, je einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Klasse per Telefon, Brief, E-Mail oder WhatsApp eine sinnvolle Botschaft zu übermitteln. Die Wahl des Kommunikationsmittels wird dokumentiert und begründet und anschliessend die Erfahrungen ausgetauscht. Auf diese Weise wird die Sprach- und Medienkompetenz gleichsam gefördert.
  • Eine ganze Reihe von Ideen für den Unterricht mit einer Vielfalt von Medien bietet die PHBern in Form von Ideensets an.

Planen Sie zusammen mit Ihren Schülerinnen und Schülern die Gestaltung der nächsten Tage

  • Schülerinnen und Schüler sind oft kreativer als man denkt! Sie können beispielsweise bei der Auswahl der verwendeten Werkzeuge miteinbezogen werden.
  • Fragen Sie Ihre Schülerinnen und Schüler, ob sie Vorschläge haben für Themen, die man zusammen als Nächstes bearbeiten möchte.

Versuchen Sie nicht den Präsenzunterricht 1:1 virtuell abzubilden

  • Didaktisch: Fernunterricht funktioniert anders als Präsenzunterricht
  • Technisch: Nicht alle Familien werden zuverlässig funktionierende IT-Infrastrukturen haben. Zudem sind auch Bandbreitenprobleme denkbar. Stellen Sie deshalb auch Materialien bereit, die heruntergeladen und offline bearbeitet werden können. Beispiele: einfache Übungsblätter und Lernaufgaben als Word oder PDF, (PowerPoint-) Präsentationen (auch vertont), kurze Audio- und Videodateien etc.

Erschlagen Sie die Schülerinnen und Schüler nicht mit Einwegmaterial

  • Ein zentrales Element von Unterricht ist Interaktion. Insbesondere sollten sich Schülerinnen und Schüler selbst einbringen können. Einwegangebote sind wenig attraktiv und werden schnell langweilig. Der Primarlehrer Urs Zuberbühler aus Guttannen hat schon viel Erfahrung aufgrund von Schulschliessungen infolge Lawinengefahr und Erdrutschen. Einfach ein Video ins Netz zu stellen oder einen Link auf ein Sofatutor-Video oder so anzugeben, kann Teil einer Lösung sein. Zentral ist aber, dass die Schülerinnen und Schüler selbst etwas machen, sich untereinander vernetzen können etc. Auf seinem "alten" Blog zur Mediennutzung in einer Berggemeinde finden sich viele erprobte, einfach umsetzbare Ideen.

Erschlagen Sie die Schülerinnen und Schüler nicht mit (interaktivem) Übungsmaterial

  • Im Netz finden sich unzählige Tools und Lernumgebungen für Multiple Choice Tests, Lückentexte, Zuordnungsübungen, Vokabeltrainer etc. Diese Angebote sind durchaus nützlich, fokussieren aber meist auf das Vermitteln von Fertigkeiten und Faktenwissen. Auf die Dauer wird das für ihre Schülerinnen und Schüler langweilig. Vergessen Sie deshalb nicht, dass Lernen auch andere Aspekte umfasst (vgl. etwa die Taxonomie vom Bloom PDF-Dokument).

Lösen Sie sich von Schulfächern

Zitat Werner Hartmann
Ich als Lehrer würde deshalb jetzt mit meinen Klassen eine ganz pragmatische Lösung treffen: Ich würde eine einfache, möglichst bereits vertraute Kommunikationsplattform wählen, z.B. Google-Docs, ein Blog (schnell erstellt z.B. mit blogger.com) oder sonst was. Dort würde ich in der Art schreiben "Hallo, heute ist das Thema Wasser. Hier habt ihr mal ein paar Informationen zum Thema." Dann ein paar Dokumente, Link auf Wikipedia und so. Ganz bewusst wenig. Dann würde ich Aufträge z.B. in Zweiergruppen geben: Anna und Max kümmern sich um die verschiedenen Zustände von Wasser (Eis, Wasserdampf usw.), Beat und Michael um die Wasserversorgung weltweit, Fritz und Maja um das Thema Kriege aufgrund von Wasser, Eveline und Jakob um Wasserkraftwerke usw. Ich würde dann ein paar Vorgaben machen, was man recherchieren soll. Dann angeben, dass bis 14 Uhr alle Gruppen eine kleine Präsentation, ein Dokument, ein Video oder was auch immer hochgeladen haben. Dann würde ich um 15 Uhr eine textbasierte Fragerunde und Diskussionsrunde machen. Man darf Fragen an Beat und Michael stellen usw.

Und als Abschluss würde ich am Abend in die Runde fragen, was das Thema am nächsten Tag sein soll.

Und nach ein paar Tagen bringe ich sukzessive den eigentlich vorgesehenen Stoff mit ins Spiel. Dazu mache ich kurze Inputs zum Beispiel mit vertonten Powerpoint-Dateien und erteile wie im normalen Unterricht Aufträge (z.B. Lernaufgaben). Jeden Tag zu klar festgelegten Zeiten gibt es dann Online-Treffen (z.B. per Skype oder einem anderen einfach bedienbaren Tool). Bei diesen Treffen beantworte ich Verständnisfragen und ich mache mir ein Bild, ob meine Schülerinnen und Schüler den Stoff verstanden haben oder nicht, ob meine Aufträge zu umfangreich oder zu gering waren usw.

Warum setze ich für meine "Theorie-Inputs" auf asynchrone Medien wie vertonte Powerpoint-Dateien? Asynchrone Medien sind weniger fehleranfällig als synchrone Videokonferenzen etc. Und eine vertonte Powerpoint-Datei, ein Erklärvideo oder ähnliche Formate kann ich ungestört vorbereiten. Mein Motto: "So viele asynchrone Medien wie möglich, synchrone Medien wenn sinnvoll." Nebenbei: Lehrervorträge - also kurze, maximal 15-minütige Inputs der Lehrperson im Frontalunterricht - sind immer noch eine Unterrichtsmethode mit hoher Effektstärke. Sie müssen aber gut vorbereitet sein und welchen Pullover ich als Lehrperson gerade trage, spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Ab 5. Klasse: Suchen Sie nach Material mit hohem Selbstlernanteil (Leitprogramme etc.)

Suchen Sie nach projektartigen Arbeitsaufträgen

Siehe Projektideen.

Lassen Sie Schülerinnen und Schüler digitale Arbeitsprodukte herstellen

  • Mögliche Produkte sind Videologs (vLog), in denen die Schülerinnen und Schüler ihre Arbeit dokumentieren; Erklärvideos zu einem bestimmten Thema; Tagebücher und Lernjournale ergänzt mit Bildern; einfache Audioaufnahmen, wie z. B. ein Interview mit den Eltern über ein bestimmtes Thema; eine erfundene oder gefundene (Kurz-) Geschichte vorlesen oder ein Audio-Logbuch aufnehmen. Lassen Sie, wenn möglich, andere Kinder an den einzelnen Arbeiten teilnehmen, z. B. durch Kommentare.
  • Da viele Schülerinnen und Schüler zuhause über Office und damit PowerPoint verfügen, bieten sich auch vertonte PowerPoint-Präsentationen, sog. Slidecasts, an.

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Hinweis: Bitte fangen Sie nicht selbst auch noch eine Linksammlung oder ein Forum zum Thema an, es gibt bereits (zu) viele. Das macht es für Ratsuchende nur noch schwieriger, weil dann eine Linksammlung auf die andere verweist. Es ist auch eine Ressourcenverschwendung, wenn alle anfangen, eigene Listen und Foren mit Inhalten zu füllen. Versuchen Sie stattdessen, bei einer bestehenden Sammlung mitzuarbeiten.

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